Führerscheinreform 2026 „Aktuelles“
Der Kampf um den Fahrschulmarkt ist eröffnet
von Raphael Morsmann
Der Reformplan des Verkehrsministeriums stößt in der Fahrlehrerschaft auf breiten Widerstand. Im Zentrum der Kritik steht die geplante Abschaffung der Pflicht zum Präsenzunterricht. Dabei geht es um mehr als nur pädagogische Fragen.
83 Prozent der Fahrschulen lehnen die Reformpläne von Verkehrsminister Schnieder ab. Das hat der Branchenverband MOVING International Road Safety Association in einer Umfrage ermittelt. Mit den Eckpunkten der Reform wie sie im Moment vorliegen, hat Verkehrsminister Schnieder die Fahrlehrerschaft gegen sich aufgebracht. Und das, obwohl die Branche das Ziel des Ministers grundsätzlich unterstützt. Schnieder will den Führerschein günstiger machen, das wollen auch die organisierten Fahrschulen und ihre Verbände. Allerdings sind die Meinungen darüber, wie dieses Ziel erreicht werden soll, grundverschieden.
Expertinnen und Experten aus der Praxis sind überzeugt, dass Schnieders Reform in ihrer aktuellen Form die Kosten eher erhöht. Besonders massiv ist die Ablehnung in einem Punkt: Dem Wegfall der Verpflichtung zum Präsenzunterricht im Theorieunterricht. Das würde einen radikalen Einschnitt in die Branche bedeuten – mit ungewissen Folgen. Betroffen wäre nicht nur die allgemeine Verkehrssicherheit, sondern auch die knapp über 10.000 Fahrschulen in Deutschland.
Mehr Nachfrage. Mehr Kosten.
Auf dem Fahrlehrerkongress versuchte Schnieder zwar, die Reform zu verteidigen, indem er darauf hinwies, dass Fahrschüler ihre Fahrausbildung künftig selbst gestalten können sollten. Doch Experten bezweifeln, dass es hilfreich ist, 16- bis 18-jährigen diese Entscheidung zu überlassen. Woher sollen sie wissen, was für sie über die gesamte Fahrausbildung hinweg günstiger wird? Außerdem haben frühere Erfahrungen gezeigt, dass die Fahrschüler bei Dumping-Fahrschulen mit dürftiger Ausbildungsqualität unterm Strich tiefer in die Tasche greifen müssen. Kaum jemand erwartet zudem, dass der Fahrschulmarkt nach Umsetzung der Reformpläne durchsichtiger, überschaubarer oder gerechter wird.
Bereits bevor die Reform Gestalt annimmt, kämpfen Fahrschulen im täglichen Betrieb mit ihren Auswirkungen. Die Zurückhaltung der Menschen ist bereits spürbar. Obwohl viele Jugendliche den Führerschein dringend benötigen, zögern sie eine Fahrschule zu besuchen, in der Hoffnung, die Fahrausbildung würde günstiger werden. Diese Hoffnung ist aus mehreren Gründen trügerisch. Erstens, weil die Reform Monate, wenn nicht Jahre dauern wird. Zweitens, weil sich auf lange Sicht der gesamte Fahrschulmarkt verändern wird – und das keinesfalls zum Guten. Günstiger wird der Führerschein dadurch keineswegs. Die Reform ebnet den Weg für waghalsige Geschäftsmodelle, die nur ein Ziel verfolgen: Maximale Gewinne für potente Investoren. Und das in einer Branche, die in erster Linie dazu da ist, jungen Menschen den sicheren Weg in die individuelle Mobilität zu ebnen.
Eine Reform, die Fahrschüler allein lässt
In Fahrschulen weiß man nur zu gut, dass mehr Digitalisierung nicht automatisch zu niedrigeren Führerscheinkosten führt. Ein Beispiel ist der Theorieunterricht. Seit mehr als einem Jahrzehnt werden digitale Apps zur Verfügung gestellt, mit denen die Fahrschülerinnen und Fahrschüler das Gelernte wiederholen und vertiefen können. Günstiger geworden ist der Führerschein dadurch jedoch nicht. Was daran liegt, dass digitales Lernen von vielen Schülern nicht so angenommen wird, dass es für eine spürbare Verbesserung gesorgt hätte. Es zeigt sich: Eine erfolgreiche und effektive Fahrausbildung ist mehr als reine Wissensvermittlung. Vielmehr geht es um Werte, Einstellungen, Verhalten und ein tieferes Verständnis des Straßenverkehrs. Darum verfolgen Fahrschulverbände einen konstruktiven Ansatz. Sie plädieren für eine weitere Verbesserung der Ausbildungsqualität. Damit verbessern sich die Bestehensquoten. Denn jede misslungene Prüfung kostet. Und niemand will zulassen, dass diese Summen zum Spekulationsobjekt von Investoren werden, denen es einzig um die Maximierung ihrer Gewinne geht.
Spekulanten auf dem Fahrschulmarkt
Den neuen Akteuren geht es nämlich nur vordergründig darum, die Kosten zu senken. Sie verfolgen andere Motive. Sie wollen den Kampf um die Macht im Fahrschulmarkt großflächig gewinnen. Was damit gemeint ist, wird beim Blick in andere Branchen deutlich. Denn die Schlacht um die digitale Rendite hat vor allem ein Ziel: Die anderen Marktteilnehmer loszuwerden. Die Investoren wissen: Nur einer wird gewinnen. So wie Uber die Taxis in Deutschland verdrängt hat. So wie Flixbus den Markt der Fernbusse übernommen hat. So haben Google und Amazon ihre marktbeherrschende Stellung aufgebaut. Genau so stellen sich potente Investoren den Fahrschulmarkt ihrer Träume vor. Jeder Einzelne von ihnen will der große Player werden. Also derjenige, der durch seine Marktmacht die Preise nach Belieben diktieren kann. Diese Strategie ist aus anderen Branchen bereits hinlänglich bekannt. In der ersten Phase werden die Preise gesenkt. Das geschieht, um die Wettbewerber zur Strecke zu bringen. In der zweiten Phase werden die Preise wieder angehoben. Damit sich die Investitionen verzinsen. Zitat aus der Investorenwerbung: „Wir hoffen, dass wir in diesem Bereich der dominante Player sind.“ Und eins, zwei, drei: Die mittelständische Struktur des Fahrschulmarktes ist Geschichte.
Wer diese Mechanismen kennt, der ist zurecht skeptisch, wenn er sich die neue Fahrschulwelt vorstellt, wie sie Verkehrsminister Schnieder ausmalt. Denn immer klarer schält sich heraus, dass es sich im Sinne der nächsten Generationen von Fahrschülern lohnt, die mittelständische Struktur der Fahrschulbranche zu verteidigen. Denn die Branche leistet seit Jahrzehnten wichtige Beiträge zur Verkehrssicherheit in einer immer komplexer werdenden Umgebung. Sie ist auch ein Musterbeispiel dafür, wie mittelständische Strukturen und gesunder Wettbewerb zu einem erstklassigen Angebot führen, aus dem sich Fahrschülerinnen und Fahrschüler den Anbieter herauspicken, der am besten zu ihnen passt. Der Verkehrsminister tut gut daran, sich genau anzuhören, was die Bundesländer im bevorstehenden Gesetzgebungsverfahren zu sagen haben. Für alle Menschen, die ihren Führerschein machen wollen, bleibt eine nüchterne Erkenntnis: Es besteht kein Grund dafür, die Fahrausbildung zu pausieren oder auf den Sankt-Nimmerleinstag zu verschieben.
